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Was heißt hier Seele…?

von Dr. Leo Prothmann

Diesen Text habe ich bei Konstantin Wecker " Hinter den Schlagzeilen" entdeckt. Hier zum Lesen als Angebot.

Ein Bericht der wie ich finde helfen kann, um sein ICH
zu studieren, mit Selbsterkenntnissen zu seinem viel-
leicht wirklichen ICH zu finden.
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Wir wissen wenig von unserer Seele - sie aber weiß alles von uns. (Von Leo Prothmann. Ein Beitrag des Webmagazins auf "Hinter den Schlagzeilen. Erstveröffentlichung in der Zeitschrift "Wege")
Der Ort

Vor 400 Jahren platzierte Descartes, der Begründer des modernen Rationalismus, die Seele in die Zirbeldrüse. Heute ereilt uns aus Amerika die Nachricht, dass Hirnforscher im menschlichen Gehirn eine Stelle lokalisiert haben, in der die Seele, also der religiöse Glaube sitzt. Diese Forscher nennen sich pikanterweise „Neuro-Theologen“, sie suchen den ultimativen Gottesbeweis. Der Salzburger Autor und Vordenker Karl-Markus Gauss bemerkte dazu: „Dass der Glaube (sprich Seele) nun eine feste Wohnanschrift hat - nämlich linke Hirnhälfte (ich meine: wenn schon, dann die rechte!), 24 Millimeter unterhalb der Mietwohnung für Hochstapelei, 16 oberhalb der Abstellkammer, in der der Altruismus logiert - ist eine Nachricht, die Heiden wie Gläubige beunruhigen muss. Wer ungläubig ist, hat zu fürchten, schon bald für partiell hirntot gehalten zu werden; dem Gläubigen hingegen droht, dass ihm der Glaube als Gehirnfunktion erklärt und er ihn darüber womöglich verlieren wird. Denn sobald Gott messbar ist, lohnt sich natürlich keine Religion mehr.“

Nun, ob die Seele in der Zirbeldrüse oder in einer Hirnfalte sitzt, ist für unser Thema unerheblich. Ich gehe hier von einem psychologischen Verstehen der Seele aus. Und da kommen wir bereits in ein neues Dilemma.

Das Wort

Denn „Seele“ ist kein wissenschaftlicher Begriff. Darum findet sich dieses Wort auch selten in der akademischen psychologischen Literatur. Und wenn, dann nur unter Anführungszeichen, wie um zu verhüten, dass es seine wissenschaftlich sterile Umgebung infiziere. In der wissenschaftlichen Diskussion ist dieser Begriff nicht „salonfähig“.

Das Wort Seele wurde von Philosophen, Theologen und Psychologen so oft gebraucht und missbraucht, dass es abgegriffen und flach wirkt. Darum müssen wir genau hinhorchen auf dieses Wort - und dabei zeigt sich, dass wir es hier mit etwas zu tun haben, das nicht definiert werden kann. Seele ist weniger ein Begriff als ein Symbol Und von einem Symbol gilt, solange es lebendig ist, dass es mit Worten nicht adäquat beschrieben werden kann.

C.G. Jung versuchte Zeit seines Lebens den Menschen bewusst zu machen, was es bedeutet, eine Seele zu haben. Er sagte: „Eine Seele zu haben, ist das Wagnis des Lebens, denn die Seele ist ein Leben spendender Dämon.“…

Der Dämon

Für die alten Griechen hatte jeder Mensch seinen Dämon oder Daimon. Mit Daimon ist eine Art Zwischenwesen gemeint, ein Vermittler zwischen Göttern und Menschen. Der Daimon hatte Einfluss - im Guten wie im Bösen. Das Christentum polarisierte dagegen auch hier: Die Engel sind für den Bereich des Guten zuständig, während den Dämonen ausschließlich der böse Einfluss zugeschrieben wird.

Bleiben wir aber bei der altgriechischen Bedeutung, die offensichtlich auch Goethe so verstand: Schwer beeindruckt von Mozarts „Don Giovanni“ schrieb er an seinen Freund Eckermann, nicht Mozart habe diese Oper komponiert, sondern „der dämonische Geist seines Genies habe ihn in seiner Gewalt gehabt“. Er war also überzeugt, dass Mozart hier ausgeführt hatte, was ihm sein Dämon gebot. Goethe wusste, wovon er sprach, denn auch er verdankte seinem Daimon einige seiner Werke, nicht nur den „Faust“.

Heute folgen wir nicht mehr dem „Dämon“ - wir nennen es Berufung, oder Bestimmung. Einer jüdischen Legende nach weiß unsere Seele von Anbeginn alles über unsere Bestimmung, unsere mögliche Berufung in dieser Welt. Dieses „Ur-Wissen“ wird in der Geschichte von einem Engel (oder Dämon) gelöscht, der bei der Geburt seinen Zeigefinger auf unsere Oberlippe legt, um uns den Mund zu versiegeln. Nur die kleine Vertiefung erinnere noch an unser vorgeburtliches Wissen. Und so wandert unser Zeigefinger manchmal nachdenklich an diese bedeutsame Stelle, wenn wir uns erinnern wollen, wenn wir eine Einsicht zurückholen oder einen verloren gegangenen Gedanken wieder finden möchten.

Der Keim

Für Aristoteles bedeutete Seele sowohl Form als auch Bewegung eines Körpers. Eine Form, die uns zu Beginn als Bild, als Entwurf, als Bestimmung mitgegeben wird. Von ihm stammt auch der Begriff Entelechie. Damit meint er eine zielgerichtete Entwicklungsfähigkeit, eine Kraft zur Entfaltung, zur Verwirklichung jener Möglichkeiten, die in einem lebendigen Wesen angelegt sind. Die Entelechie bewirkt, dass aus einem Eichelsamen eine Eiche wird, aus einem Sonnenblumensamen eine Sonnenblume. Entelechie meint also den Geist, die Energie, die in einem Samenkorn steckt.
Und gilt das nicht auch für den Menschen? Der Stuttgarter Analytiker Hans Schmid formulierte es so: „Der Mensch ist fertig im Augenblick seiner Geburt - er muss es nur noch werden.“… und erfand dafür den Begriff „Werdegestalt“. In jedem Menschen schlummert eine solche Werdegestalt. In jedem Menschen gibt es eine entelechiale Kraft, die ihn dafür gewinnen möchte, der zu werden, als der er wesentlich gemeint ist. C.G. Jung drückte es einmal so aus: „Seele ist das Lebendige im Menschen, das aus sich selbst Lebende und Leben Verursachende“.

Natürlich können wir die Wachstums-Schübe unserer Seele ignorieren. Wir können sie vernachlässigen oder blockieren. Aber es rächt sich irgendwann. Der Mensch erkrankt am ungelebten Leben seiner Seele. Das bedeutet: Die Entelechie unserer Seele weiß nicht nur, wie sich unser Leben entwickeln und entfalten sollte - sie ist auch die Verursacherin unserer Unzufriedenheiten und Frustrationen. Sie meldet sich in der Not ihrer verhinderten und behinderten Entwicklung und Verwirklichung.

Die Reifung

Jeden Tag werden wir älter. Jedes Jahr feiern wir unseren Geburtstag. Aber bedeutet das, dass wir damit auch reifer werden? Meist geht es uns im Leben wie in der Schule: Wenn wir unser Pensum nicht gelernt haben, bleiben wir sitzen und müssen die Klasse wiederholen. Die meisten Sitzenbleiber gibt es erst nach der Schule, nach der Matura, nach einem abgeschlossenen Universitätsstudium. Man kann sich kaum vorstellen, wie viele Menschen es heute versäumen, seelisch erwachsen zu werden - was nicht ausschließt, dass sie (als Eltern oder Lehrer) Kinder erziehen, dass sie in der Wissenschaft, in Politik und Wirtschaft in ranghohe Stellungen aufsteigen, dass sie Bücher schreiben (manche sogar über sich selbst, was dann besonders peinlich wirkt)… Aber bleiben wir bei uns. Wir halten es oft lange aus, im Kreis zu gehen - also älter zu werden, ohne aus unseren Erfahrungen zu lernen. Oder - nicht weniger verhängnisvoll - wir bleiben auf bestimmte Erfahrungen (meist negative) fixiert, um zu begründen, warum wir uns heute so misstrauisch, so distanziert, so intolerant verhalten.

Der Liedermacher und Poet Konstantin Wecker bekennt in einem seiner Bücher: „Was für eine Gnade kann Krankheit sein, ein Misserfolg zur rechten Zeit, eine Trennung von einem geliebten Menschen, und meist kommt der Anstoß für ehrliche Seelenarbeit durch ein unvorhergesehenes Leid.“ In der Tat! Oft - wenn wir uns dem Seelenwachstum lange genug verweigert haben - kommt der Anstoß scheinbar von außen. Dann nennen wir es: Unglück, Schicksal oder Katastrophe; bestenfalls: Fügung.
Wer kennt das nicht aus dem eigenen Leben (oder aus seiner Umgebung)? Wer keine Entwicklung in der eigenen Brust durchmacht, wer sich nicht von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wandelt und entfaltet, der wird nie schöpferisch - er bleibt amusisch, seelisch frustriert und kann deshalb nie so recht an eine gute Entwicklung glauben. Es dauert oft lang, bis wir einen Schritt nach vorne tun. Für viele Menschen gilt, vor allem nach der Lebensmitte, die Diagnose: Sie leben unter ihrem Niveau.

Die Lektionen

„Ein Mensch, der keinen Mangel empfindet, ist schon tot“, konstatierte Joseph Beuys. Ein Gespür für den Mangel ist wohl das Wichtigste, was wir zur Ein-Sicht brauchen. Diese Sicht in unser Inneres erfordert eine andere Einschätzung, oder besser Wertschätzung mancher Symptome. Ich denke, es gibt im Leben eines jeden Menschen legitime Perioden der Einsamkeit, berechtigte Phasen der Frustration und Traurigkeit. Hier liegt eine Versuchung der Psychotherapie und in diese Falle stolpern so manche Therapeuten. Nämlich: Die notwendigen, weil heilsamen Symptome des Mangels möglichst schnell „wegtherapieren“ zu wollen.

Viele Menschen leiden zu Recht an der Gesellschaft, in der sie leben. Nicht selten erkrankt ein sensibler Mensch an der Unfähigkeit, mit einem Problem fertig zu werden, das von der Gesellschaft (noch) nicht als Problem erkannt wird. Oft machen Konventionen, moralische Ansprüche, die Menschen wirklich krank. (Oder erklären sie willkürlich als krank: Als etwa in den USA der Schwulenparagraph aufgehoben wurde, durften sich Millionen über Nacht als gesund betrachten!). Was ich sagen will: Unter vielen Depressionen verbirgt sich oft ein Leiden, das auf ein gesundes Empfinden schließen lässt. Mangel, Sehnsucht, Unzufriedenheit, Traurigkeit und Einsamkeit - durch diese Tore streckt die Seele ihre Fühler aus. Es sind im Grunde „Gesundheits-Symptome“, die nicht einfach pathologisiert werden dürfen (außer die Krankenkassen verlangen das wegen der Kostenrückvergütung!).

Auch das Gefühl der realen Sinnlosigkeit ist bisweilen auszuhalten, weil es eben nicht pathologisch ist. Therapeuten, die an solchen Symptomen herumkurieren, gleichen Ärzten, die einem Hungrigen (statt ihn ins Wirtshaus zu schicken) eine Spritze gegen das Hungergefühl verabreichen - gegen Honorar natürlich. Psychologische Probleme dürfen nicht mit den Mysterien der Seele verwechselt werden. Was die großen Lebensprobleme betrifft, so war C.G. Jung davon überzeugt, dass diese nie auf immer gelöst werden können, denn „ihr Sinn und Zweck scheint nicht in der Lösung zu liegen, sondern darin, dass wir unablässig an ihnen arbeiten. Das allein bewahrt uns vor Verdummung und Versteinerung.“

Die Nahrung

Wer einen Krieg miterlebt hat, ob als Kind oder Erwachsener, weiß was es bedeutet, Teile der eigenen Seele abtöten zu müssen. Denn bevor man andere töten kann, muss man einen Teil der eigenen Seele getötet haben, d.h. einige Werte außer Kraft setzen - wie Anstand, Zartgefühl, Erbarmen, Großzügigkeit… Das wissen auch Politiker und Militärstrategen, wenn sie einen Krieg planen und Menschen dafür abrichten.

Das „Schrumpfen der Seele“ findet aber nicht nur in Israel und Palästina statt, nicht nur im Irak und im Pentagon. Es findet auch statt, wenn bei uns Kultur mit Quotenfernsehen und Musikantenstadl verwechselt wird. Denn nicht nur der Einzelne hat eine Seele - auch eine Gemeinde, eine Stadt, eine Kommune… sie alle haben ihre Seele. Und diese kollektive Seele nährt sich vor allem von der Kunst - von einer Kultur, die diesen Namen verdient. Der Staat spart und verweigert den Theatern und anderen Kunstzentren die Subventionen. Er spart bei der Bildung und bei Lehrern. Was an den Schulen zuerst auf der Strecke bleibt, sind Kunst- und Musikunterricht, für manche ein „unnötiger Luxus“. Was der Staat hier einspart, wird er um ein Vielfaches ausgeben müssen zur Bekämpfung von Drogenmissbrauch und anderer Kriminalität. Denn die Seele nährt sich vor allem von der Fantasie und der Schönheit, also von der Kunst im weitesten Sinne.

Der Schatten

Gegen Ende seines Lebens machte C.G. Jung darauf aufmerksam, dass uns die schlimmsten und größten Gefahren nicht von Seuchen und Nuklearwaffen drohen, sondern vom Menschen selbst. Und zwar von „harmlosen Gentlemen, von vernünftigen, angesehenen Bürgern, denen eines nicht bewusst ist: Ihr Schatten.“

Im Schatten verbirgt sich einer der fruchtbarsten und heilsamsten Begriffe der Tiefenpsychologie: das Gesamte des nicht zugelassenen bzw. verdrängten Lebens. Der österreichische Publizist und Historiker Friedrich Heer forderte immer wieder „das Gespräch der Feinde“ ein: Eine offene Auseinandersetzung zwischen „Oben“ und „Unten“, zwischen „Links“ und „Rechts“. Er war überzeugt, dass dieses Gespräch auch jeder mit sich selbst führen muss. Wer dieses Gespräch zwischen seinen verschiedenen Triebschichten und Bewusstseinsebenen verweigert oder zu früh abbricht, bleibt lebenslang ein Gefangener seiner eigenen unbewältigten Vergangenheit. Er nimmt den „Teufel in der eigenen Brust“ nicht wahr und entwickelt sich deshalb kaum zu einer vollständigen Persönlichkeit.

Auch Alexander Solschenizyn beschäftigte sich mit dem Schatten: „Erst im Gefängnis wurde mir klar, dass die Linie, die Gut und Böse von einander trennt, nicht zwischen den Staaten, nicht zwischen den Klassen, nicht zwischen den Parteien verläuft. Sie verläuft mitten durch jedes menschliche Herz - und durch alle menschlichen Herzen hindurch. Diese Linie ist beweglich, sie verschiebt sich in uns mit den Jahren. Sogar in einem Herzen, das vom Bösen umfangen ist, hält sich ein kleiner Brückenkopf des Guten. Sogar im besten Herzen gibt es ein nicht ausgerottetes Eckchen für das Böse.“ Solschenizyn hat längere Zeit in den Vereinigten Staaten gelebt. Aber ob der jetzige Präsident der USA seinen Namen kennt oder je etwas von ihm gelesen hat, wage ich zu bezweifeln.

Bewusst Sein

Für C.G. Jung war der Verlust des großen Zusammenhangs das eigentliche neurotische Grundübel. Damit sind wir beim Thema Spiritualität angelangt. Leben bedeutet: Konkrete Erfahrung. Und für mich ist Spiritualität die erlittene, erlebte und gelebte Erfahrung. Vor 25 Jahren, als ich mit meiner Therapieausbildung begann, war es noch verpönt, ja fast blasphemisch, Psychotherapie und Spiritualität in einem Atemzug zu nennen. Für die Seele fühlten sich die Vertreter der Religionen und Kirchen zuständig: Glaube nur fest an Jesus Christus und alles wird gut! Bete, und deine Seele wird geheilt werden! Wer genug Glauben hat, braucht keine Therapie! Oder umgekehrt: Wer eine Therapie braucht, mit dessen Glaube stimmt wohl etwas nicht…

Heute sind sich ernst zu nehmende spirituelle Lehrer, egal welcher Religionsgemeinschaft, einig: Es gibt Probleme, die sich durch Meditationen und Gebete allein nicht lösen lassen. Sie brauchen Selbsterkenntnis - und die ist laut C.G. Jung eine spirituelle Notwendigkeit: Im Unbewussten zu verharren, ist für ihn die „schlimmste Sünde“. Denn an der Wurzel dessen, was Sinn oder Spiritualität meinen könnte, liegt der Akt, durch den ich mich selbst annehme. Ich soll damit einverstanden sein, der zu sein, der ich bin. Einverstanden, die Eigenschaften zu haben, die ich habe. Einverstanden, mich in den Grenzen zu bewegen, die mir gezogen sind.

Hier geht es nicht etwa um eine akademische Kenntnis. Hier geht es um ein Wissen und Kennen, das mit Liebe zu tun hat. Es geht darum, den eigenen Erfahrungen zu trauen. Paulo Coelho, einer der meist gelesenen Autoren unserer Zeit, sagte in einem Gespräch: „Ich habe mich zu entscheiden, ob ich die Verantwortung für meinen spirituellen Weg selbst trage oder ob ich sie in die Hände anderer Menschen lege. Es gibt nur diese beiden Möglichkeiten. Wie gefährlich der zweite Weg ist, zeigt uns die Welt jeden Tag. Das Delegieren der spirituellen Verantwortung führt zu Religionskriegen, denn der Glaube an spirituelle Führerschaft schließt Toleranz aus. Es kann keine Führer in der Religion geben. Menschen, welche die Verantwortung für ihr Seelenheil anderen übertragen, werden in der Regel missbraucht.“

Selbst Erfahrung

Natürlich können wir Anregungen, Anstöße und Impulse von außen annehmen - auch Hilfe, wenn es nötig ist. Aber letztlich darf ich vor allem meinen eigenen Erfahrungen trauen.

Alexander Dumas war nicht nur ein brillanter Romanschriftsteller, sondern auch ein begnadeter Koch. Auf eines seiner Kochbücher schrieb er als Motto: „Der Mensch lebt nicht von dem, was er isst, sondern von dem, was er verdaut.“ Was unser Organismus nicht verarbeitet, liegt uns im Magen oder kommt uns wieder hoch. Nur was verdaut wird, verwandelt sich in Lebenskraft und Lebensenergie. Das gilt auch für Geist und Seele: Der Mensch lebt nicht von dem, was er zu sich genommen, sondern von dem, was er verdaut hat. Das heißt: Bloßes Kopfwissen oder übernommene Glaubenssätze (und klingen sie noch so hehr und erhaben) sind erst dann wirkliche Nahrung für die Seele, wenn sie von eigenen Erfahrungen gedeckt und beglaubigt werden. Nur was die eigene Seele assimiliert, hat Bestand und kann sich im Leben bewähren.

Der Akt des Sich-Annehmens schließt auch die Versöhnung mit der Vergangenheit ein. Jeder von uns schleppt Verletzungen mit sich - aus der Kindheit, aus Kränkungen, aus Verrat und Lüge. Nicht alle dieser Verletzungen können auf immer gelöst werden - aber wenn wir sie annehmen, uns mit ihnen versöhnen, verlieren sie vielleicht über die Jahre ihren Stachel, ihre Bitternis. Der ungarische Schriftsteller Imre Kertesz, der als Vierzehnjähriger aus Budapest verschleppt wurde und Auschwitz überlebte, erhielt vor zwei Jahren den Nobel-Preis (was er selbst eine „Glücks-Katastrophe“ nannte). In einem Zeitungs-Interview bekannte er: „Ich möchte meine Vergangenheit nicht ändern. Ich habe ein wunderbares Leben gehabt… Auschwitz ist mein größter Reichtum. Die Nähe zum Tod ist unvergesslich. Das Leben war nie so schön, wie in diesem langen Augenblick.“… Ob wir mit unseren Wunden und Verletzungen je so umgehen können, wie Imre Kertesz mit den seinen, sei dahingestellt. Aber versuchen könnten wir es. Weil alles, was wir zu uns nehmen und seelisch verdauen zu unserer Menschlichkeit beiträgt.

Das Mysterium

Ohne Seele (oder wie immer man diesen göttlichen Hauch oder Atem nennen will) gibt es keine Person - und ohne Person gibt es keine Liebe. „Die Liebe“, schrieb der mexikanische Autor Octavio Paz, „…überträgt die Eigenschaften der Seele auf den Körper, so dass dieser nicht länger ein Gefängnis ist. Der Liebende liebt den Körper, als wäre er Seele, und die Seele, als wäre sie Körper. Die Liebe vermischt die Erde mit dem Himmel.“ Nur durch die Liebe entdecken wir das Alltäglichste und Vertrauteste: Das Mysterium, das jeder von uns ist.

Die Seele des Menschen ist und bleibt ein Geheimnis. Denn in jeder Menschenseele ist eine innere Landschaft verborgen. Eine Landschaft „mit unbetretenen Ebenen, mit Schluchten des Schweigens, mit lastenden Bergen, mit geheimen Gärten, und du kannst über diesen oder jenen ein ganzes Leben lang sprechen, ohne zu ermüden.“ (Antoine de Saint Exupery)

Und - vergessen wir doch die viel beschworenen Ganzheit! Der frühere kirchliche Tugendterror scheint bei manchen Therapeuten und anderen Menschen zu einem Ganzheits-Terror zu mutieren. „Sei ganz! Werde ganz!“, tönen die Parolen. Aber wie heißt es schon im Hohen Lied der Liebe: „Stückwerk ist unser Erkennen.“ Und Stückwerk bleibt unser Bemühen ein Leben lang. Das Leben der meisten Menschen endet jedenfalls als Stückwerk, als Torso… Und warum nicht? Torso meint die Vollendung in der Versehrtheit. Meint etwas Vollkommenes in der Brüchigkeit. Torso: Das ist die Vision des unmöglich Vollkommenen. In diesem Sinn dürfen wir auch Ja sagen zu einer „gelungenen Halbheit“.

Die Poesie

WENN wir etwas über unsere Seele erfahren wollen, dann sind psychologische Bücher (mit ihren ihre ernsthaften Behauptungen und langatmigen Proklamationen „neuester Ergebnisse“) selten hilfreich. Lesen Sie lieber Romane und Gedichte alter und neuer Schriftsteller! Gehen Sie lieber ins Kino, ins Konzert, ins Kabarett!

Apropos Kino: Versteht man Religionen als symbolische Antworten auf die großen Lebensfragen, dann ist das Kino ein exponierter Ort für poetische Auseinandersetzungen mit der Rätselhaftigkeit und Widersprüchlichkeit des Lebens. Religiöse Kommunikation findet darum auch im Kino statt - vielleicht heute sogar mehr im Kino als in den Kirchen. Denn die Kinobilder sind Ausdruck von Gegenwarts- und Lebenserfahrung. Sie spiegeln die Träume und Albträume unserer Zeit. Natürlich müssen wir da genauso wählerisch sein, wie in einem Buchladen. Schund gibt es da und dort. Aber in einem Woody Allen- oder Axel Corti-Film können wir zehnmal mehr von unserer Seele erfahren, als in einem Psychologie-Seminar. Also - gehen Sie oft ins Kino, hören Sie Musik, lesen Sie Romane, Geschichten, Gedichte… welche die Seele berühren, sie in der Tiefe aufwühlen, die diese mächtige Sehnsucht in uns entfachen, das Leben in all seinen Facetten zu erfahren!

Mich selber begleitet schon länger ein tröstlicher, poetischer Gedanke, mit dem ich schließen möchte. Er stammt von Christine Busta:

Ich glaube, dass jeder Mensch
mit einer unerfüllten Sehnsucht
von dieser Erde scheidet.

Aber ich glaube auch,
dass die Treue zu dieser Sehnsucht
die Erfüllung unseres Lebens ist.

 

Autoren-kasten

Dr. Leo Prothmann
studierte Philosophie und Theologie (war 22 Jahre lang Pfarrer), ab 1979 berufliche Umorientierung, Studium der Psychologie an der Uni Salzburg und Ausbildg. in Analytischer Psychologie nach C. G. Jung. Seit 1983 arbeitete er als Psychotherapeut und Analytiker, vorerst im öffentlichen Dienst, heute in freier Praxis in Salzburg.
E-mail-Kontakt: prothmann@aon.at

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